Der Ärztemangel in Zahlen

(Lesezeit 7 Minuten) Es ist irgendwie völlig absurd. Wegen einer angeblichen Pensionierungswelle* und dem EU-Arbeitzeitgesetzt droht also ein Ärztemangel, der aus einem aktuellen Absolventenmangel hervorgehen wird, den auch die EU verursacht hat.

Das weiß Minister a.D. und amtierender Landesgesundheits-Referent des Burgenlandes N. Darabos  und fordert 1.000 zusätzliche Studienplätze für Medizin. Und das bitte umgehend, wie die amtierende Kärntner Landesgesundheits-Referentin B. Prettner konstatiert: „das Festhalten an der derzeitigen Studienplatzbeschränkung führt schrittweise und unausweichlich zu einem Engpass an Medizinern.“

Wie nicht anders zu erwarten, applaudieren alle Landesfürsten, wissen Sie doch, dass das eh alles der Bund zahlen muss. Und um ein Gefühl zu kriegen, was 1.000 zusätzliche Studienplätze bedeuten: Wien und Graz gemeinsam kommen etwa auf 1.000 Studienplätze – also müssten wir, wollten wir das realisieren, umgehend in jedem Bundesland eine eigene MedUni errichten – ein sehnlicher Wunsch aller Landesfürsten rückt zum Greifen nah!

Im Hintergrund laufen zwei Diskussionen

Die eine ist die EU Medizinerquote.

Das EU-rechtswidrige Vorgehen bei der Zulassung von Medizinstudenten hat, wie bekannt, dazu geführt, dass, zur Sicherung der Versorgung, wir eine Art Übergangsregelung erhalten haben, die es erlaubt, 75 Prozent der Studienplätze für Österreicher zu reservieren. Diese Regelung läuft aus, und alle Politiker fürchten sich nun; nicht, weil sie Sorge um die Bürger haben, nein, es geht darum, dass die Beschwerden von österreichischen Eltern, deren Spross den Aufnahmetest an der Uni nicht geschafft hat, immer mehr werden. Es ist einfach lästig Jahr für Jahr tausende Beschwerden ohne irgendwelche Interventionsmöglichkeiten abzuarbeiten – UND es kostet Wählerstimmen.

Die zweite, nicht minder niedrig motivierte, politische Diskussion, ist die rund um die UMIT.

Die steckt seit längerem in inhaltlichen und finanziellen Problemen und kann nur mit öffentlichen Subventionen (ca. 5 Millionen Euro pro Jahr aus dem Landesbudget) überleben.

Für eine „Privat-Universität“ (was halt bei uns so „privat“ heißt) eher peinlich. Und weil es vermutlich irgendwann Thema wird, dass Steuer-Subventionen für „Privatbetriebe“ unerlaubt sind, wünscht sich Tirol eine zweite, eine private Med.Uni, die, wie man an PMU und SFU sieht, Goldgruben sein können. Kritik an diesem Vorgehen, wird schlicht abgelehnt, mit dem Hinweis, Kritiker kennen sich halt nicht aus

 

Aber wie verkauft man das der Öffentlichkeit, dem Bund und vor allem der EU? Wie also löst man beide Probleme – Quote und UMIT (an der sich vermutlich noch ganz andere MedUni-Phantasien diverser Landespolitiker kristallisieren, und zwar nicht nur die von Privat-Unis, sondern solchen die der Bund zahlt – etwas, dass mMn auch an der UMIT Ziel sein wird)?

Genau! Man verkündet, nachdem Ärztemangel nicht mehr zieht, seit immer mehr wissen, dass unsere Ärztedichte seit langem die höchste Europas ist, den Absolventen-Mangel.

Abb1.: Ärztedichte

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Der Absolventen-Mangel

Doch gibt es den Absolventenmangel? Nein, aber das ist weniger offensichtlich als der Ärzteüberschuss – denn, wir tricksen, wo es nur geht.

Beginnen wir mit der wohl einfachsten Quelle, die international zu Vergleichen herangezogen wird, den OECD-Zahlen.

Abb2.: Absolventen - roh

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Betrachten wir diese, findet man eine Entwicklung, die so jetzt wohl kaum bekannt ist, aber einlädt, zu alarmieren. Denn hier wird man gewahr, dass die Zahl der Absolventen seit 2007 von 22 pro 100.000 Einwohner (absoluter OECD-Spitzenwert) auf 15,5 abgestürzt ist – das sind 40% weniger! Ein schlagender Beweis, dass wir mehr Absolventen brauchen. Dieser Beweis wird vor allem dann besonders schlagend, wenn verschwiegen wird, dass der Durchschnitt in Europa bei etwa 12 pro 100.000 Einwohnern liegt.

Allerdings ist das alles falsch.

Denn, anders als (fast) alle anderen Länder der OECD (steht so auch in der Fußnote, die aber selten gelesen wird) zählen wir nur INNLÄNDISCHE Absolventen– warum auch immer. Und weil wir eine Studienplatzbeschränkung eingeführt haben und die (böse) EU uns zwang, europäisch und nicht national-protektionistisch zu handeln, ist die Zahl der Ausländer gestiegen, die Zahl der Innländer gesunken. Wie das in den anderen Ländern ist, ist mir unbekannt. Klar ist aber, dass die Zahlen so einfach nicht verglichen werden können.

Aber wie würde sie aussehen, wenn wir so wie die anderen zählen, um vergleichbar zu sein? Also nicht nur die Inländer an öffentlichen Unis, sondern einfach einmal alle in die Rechnung aufnehmen.

Abb3.: Absolventen - bereinigt

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Zählen wir Ausländer, die Linzer, und jene von akkreditierten Privatunis (SFU, PMU, KL) dazu (also ohne UMIT), werden wir in den nächsten paar Jahren auf sagenhafte 27 Absolventen pro 100.000 Einwohner katapultiert. Das ist mehr als doppelt hoch wie im EU-Schnitt und liegt selbst gegenüber dem 2.platzierten Irland um 35 Prozent höher.

Aber, dem nicht genug. Legen wir jetzt noch die 1.000 neuen Studienplätze der ländlichen Forderung drauf, schießen wir durch jegliche rationelle Schwelle – und landen bei etwa 37 Absolventen pro 100.000 Ew.  Damit werden wir drei Mal so viele Absolventen erreichen wie die EU.

Es ist doch wirklich ein gutes Gefühl zu merken, wie rührend sich unsere Politiker um uns sorgen.

Weil die EU wohl nicht ganz so leicht zu überzeugen ist wie die Bevölkerung, bemüht sich die Regierung mit eigenen Zahlen zu agieren. Woher diese kommen ist nicht ganz klar, auch habe ich die Unterlagen, die an die EU geschickt wurden, nicht gefunden (Transparenz ist halt so ein Thema)

Wir haben aber ein hübsches Bild von der Regierung erhalten, das ja mehr sagt, als tausend Worte.

Abb4.: Absolventen - BMWFW

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Auffällig ist, dass die vom Ministerium veröffentlichten und wohl auch der EU übermittelten Zahlen nicht zu denen passen die die Statistik Austria bekannt gibt. Woran das liegt, ist fraglich – vermutlich gibt es hier wieder irgendwelche Bereinigungen oder Definitionsänderungen. Vielleicht werden die Zahnmediziner mal mitgerechnet, mal nicht (obwohl für diese ja ebenfalls ein Quote bestünde) – wer weiß.

Abb5.: Absolventen – STAT.AT und BMWFW in Vergleich

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Doch noch wichtiger, als dieser Zahlensalat ist die tendenziöse Darstellung. Hier wird eine Zeitreihe dargestellt, die so tut, als ob wir in Österreich bis zum EU-Moratorium (böse EU)  mindestens 1.300 Absolventen pro Jahr hatten – und weniger zum Notstand führe.

Aber, das stimmt nicht. Denn wir haben Anfang des 21. JH ein neues Curriculum eingeführt, das dazu führte, dass sich die Studiendauer deutlich verkürzte. In der Übergangszeit sind so Studenten der alten Ordnung gemeinsam mit denen der neuen mit dem Studium fertig geworden. Dazu kommt, dass viele Langzeitstudenten die Umstellung als Anlass genommen haben, das Studium zu beenden. Dadurch hat sich die Zahl der Absolventen ab etwa 2004 deutlich erhöht, um dann wieder – auch ganz ohne EU – zu sinken.

In der Langzeitbetrachtung kann man die Schwankungen deutlich sehen.

Abb6.: Absolventen – STAT.AT seit 1980

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Noch absurder wird diese Langzeitbetrachtung, wenn man sich das damalige politische Gezeter in Erinnerung ruft– während in den Jahren relativ niedriger Absolventenzahlen (1990er) von der Ärzteschwemme gewarnt wurde, wurde um 2005, also zu einer Zeit, als die Absolventenzahlen deutlich höher lagen, plötzlich der Ärztemangel ausgerufen. Und noch spannender, es waren praktisch seit Jahrzehnten immer die gleichen Proponenten, die mal das, mal das proklamierten. Eine irgendwie sachlich fundierte Grundlage ist nicht zu finden, klientelpolitische bzw. populistische Überlegungen können hier als Motivation durchaus spekuliert werden.

 

Die Zahl der Studienplätze (ohne Zahnmedizin) wurde im Übrigen 2005 so festgesetzt, dass sie ausreichend Turnusärzte liefert, sonst war da keinerlei Idee (Bedarf an Ärzten etwa!).

Da damals festgehalten wurde, dass pro 15 Betten ein Turnusarzt (in Ausbildung zum Allgemeinmediziner) anzustellen sei, und weil es etwas mehr als 45.000 Betten zu versorgen galt, und weil der Turnus mindestens 3 Jahre dauert (machen mussten ihn damals praktisch alle, selbst die, die sich sicher waren, niemals Allgemeinmediziner zu werden, ohne Turnus keine Facharztausbildung erhielten, was zur längstens Ausbildungszeit in der EU führte), müssen also etwa 1.000 Turnusärzte pro Jahr den Spitälern zugeführt werden – wenn das nicht zu schaffen war, hat man halt den Turnus verlängert. Und genau davon haben die Spitäler reichlich und gütlich Gebrauch gemacht. Was ja leicht war, konnten österreichische Absolventen dank eines EU-weit seltenen Approbationsrechts, ja praktisch nur dort arbeiten. 2010, nach schier endloser Diskussion, wurde das Jus Migrandi eingeführt, und den Absolventen der Weg ins Ausland erleichtert. Seit dem sinkt die Zahl der Turnusärzte und hat sich ihre Ausbildung immer mehr verlängert. Zum Schluss dauerte der Turnus, gesteuert durch die Spitalsträger, über 4 Jahre – und die Zahl der emigrierenden Jungärzte stieg und stieg (und weckte Zwangsarbeitsphantasien  bei den Landesfürsten).

 

Und damit kommen wir zur letzten, na wie sagen wir das nett, Ungereimtheit: Wenn doch alle ins Ausland gehen, dann bleibt ja keiner da.

 

Der Massen-Exodus österreichischer Ärzte

 

Nun, alleine die Wachstumskurve der Ärztedichte (s.o.) zeigt, dass es ganz offenbar keinerlei Massenexodus von Ärzten gibt. Wenn überhaupt, dann sind es eben die Jungärzte, die sich die schlechte Ausbildung  und die üblen Arbeitbedingungen nicht antun wollten. Jungärzte wurden praktisch nie politisch vertreten, sondern waren eher Verhandlungsmasse. Wer nicht als „Spritzenferl“ jahrelang ausgenützt werden wollte, der ging ins Ausland. Und damit wurden all die netten Zahlenspiele der Politik immer unmöglicher.

Auch wenn ich nicht so überzeugt bin, dass die Ausbildungsreform, die es seit 2014 gibt, was taugt, ist doch wenigstens was passiert. Und weil jetzt auch die (böse) EU ihre Forderungen nach normalen Arbeitszeiten durchgesetzt hat, und im Sog der Umstellung die Ärztegehälter auch bei Jungärzten auf ein international konkurrenzfähiges Niveau angehoben wurde, sieht man was passiert

Abb7.: Eintragungen Ärzteliste 2015

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2015, so sagt das Ministerium, gab es praktisch keine Abwanderung von Jungärzten – sogar eine Netto-Zuwanderung, da ja nur 1.160 Österreicher mit dem Studium fertig wurden, aber 1.212 als Jungärzte in die Ärzteliste eingetragen wurden.

Und selbst wenn diese ministeriellen Absolventenzahlen irgendwie getrickst wurden, klar ist zu sehen, dass es 2015 KEINEN Massenexodus der Jungärzte (mehr) gab, und eine erhebliche Rück- bzw Einwanderung von im Ausland ausgebildeten (Fach)Ärzten gekommen ist (die es übrigens schon lange gibt).

Und nur um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wegen des Wohlfahrtsfonds der Ärztekammer stehen praktisch nur die Ärzte in der Ärzteliste, die müssen – und das sind die, die in Österreich am Patienten arbeiten. Alle anderen fliehen so rasch sie können aus der Ärztekammer.

Wie auch immer, das Jahr 2015 zeigt klar, einen Ärztemangel bei einer dermaßen hohen Absolventenzahl kann man nur provozieren, wenn die Arbeitsbedingungen und Perspektiven für Ärzte so schlecht sind, dass sie lieber auswandern. Und genau das ist jawohl das Problem – für Arbeitsbedingungen und Perspektiven sind die Länder zuständig, nicht der Bund. Aber wir wissen alle: die Länder sind die guten, böse sind die da in Wien (Bund) und in Brüssel (EU).

 

FACIT

Damit stoßen wir jetzt zu des Pudels Kern vor. Denn, realpolitisch denken die Landespolitiker wohl folgender Maßen:

  • Universitäten gründen ist sexy
  • Eltern, abgewiesener Studienplatzbewerber, zu erklären, dass ihre Kinder und das Schulsystem, dass sie durchlaufen haben, AUSLÄNDERN unterlegen ist, uncool.
  • Studenten zahlt der Bund, kostet mich also nix!
  • Wenn wir eine Ärzteschwemme haben, muss ich Ärzten keine Perspektive geben – dann nehmen sie, was da ist.

Also: 1.000 Studienplätze mehr  – mindestens! Und bitte, nur keine Zahlen. Die stören nur unsere hübschen Kreise

 

 

 

*PS.

Die Pensionierungswelle ist natürlich auch ein Fake – Die paar Jahre, in denen die Zahl der Absolventen (OHNE Linz und die Privaten) geringer ist, als die Zahl der in Pension gehenden, können durch die Überschüsse davor und danach locker kompensiert werden

Abb8.: Pensionierungswelle

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