Die E-Medikation als machtpolitischer Prüfstein

Die E-Medikation hat wieder einmal zu einer recht heftigen medialen Reaktion geführt.

Alle Medien haben berichtet, teils sachlich, teils auch meinungsbildend. Für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar, gab es eine regelrechte OTS-Schlacht (OTS = Originaltextservice; bezahlte Kurznachrichten in der Austria-Presseagentur).

Aufhänger war die „Evaluierung“ des neun Monate dauernden E-Medikation-Pilotprojekts durch wissenschaftliche Experten.

Die Fronten der Medienschlacht, wie bei jedem anderen gesundheitspolitischen Thema, waren die gleichen! Für die Einführung der E-Medikation waren alle, außer der Ärztekammer! Soweit, so normal!

In den Medien, vor allem jenen, die gerne auch Meinung machen wollen, wurde vor allem die Dringlichkeit der Einführung betont (mit dem Leichentuch gefuchtelt); vermutlich, weil der E-Medikationschef V. Schörghofer schätzt, dass man hochgerechnet auf bis zu 100.000 gesundheitsgefährdende Medikamentenwechselwirkungen komme, die durch die Einführung der E-Medikation verhindert werden können, und der Apothekerkammerchef H. Burggasser nachsetzt, in dem er meint, es sei  „einfach lebensgefährlich, wenn man damit wartet“.

Kaum jemand hat sich bei solchen Aussagen angeschaut, was denn bei dieser Studie  wirklich untersucht wurde.

Im Evaluierungszeitraum, teilt man uns mit, haben 5.431 Patienten, sowie 41 Hausärzte, 31 Fachärzte, 50 Apotheken, und 4 Krankenanstalten aktiv teilgenommen. Was aber nicht gesagt wird, dass im gleichen Zeitraum Österreichweit  mindestens 4,5 Millionen Patienten, von 3.500 Hausärzten, 4.000 Fachärzten, 1.000 Apotheken und ca. 170 Akutkrankenanstalten versorgt wurden!

Also eigentlich ist so eine kleine Studie kaum geeignet um generelle Aussage, oder gar Hochrechnungen zu machen (Anm.: den Studienautoren sind die Limitierungen der Studie sehr wohl bekannt, was aber die „Politiker“ nicht stört, darin klare Evidenzen zu sehen und laut hinauszuposaunen).

Aber, wahrscheinlich geht es, wie üblich, nicht um Sach-, sondern Machtpolitik.

Neben den klingenden Zahlen, sind es vor allem die Meinungsumfragen mehrerer Unternehmen, die zeigen, dass die Bevölkerung die E-Medikation will. Und dass wiederum bedeutet, dass die Ärztekammer zunehmend an glaubhaftem Einfluss verliert.

Bisher galt, dass keiner sich mit ihr anlegen darf, weil über die Kassenärzte sechs Millionen Österreicher bis zu 110 Millionen Mal (so viele E-Card-Kontakte gibt es jährlich!) beeinflusst werden können. Keine auch noch so gut konzipierte Medienkampagne hat eine solche Reichweite– meinte man.

Und was passiert hier?

Immerhin hat sich die Ärztekammer auf die Fahnen geschrieben, E-Medikation und ELGA zu verhindern. Sie tut auch alles, um die Stimmung aufzuheizen – doch, es wirkt offenbar nicht mehr. Die Patienten wollen trotzdem die E-Medikation. Sie hören einfach nicht mehr auf ihre Ärzte (oder, glaubt man der GfK-Umfrage, die Ärzte auf ihre Kammer?).

Und genau hier haken jene Politiker ein, die ein Interesse daran haben, die Ärztekammer zu entmachten und prüfen mit solchen Themen, deren reale Macht.

Selber Schuld, würde ich meinen. Denn so ist das halt, wenn jedes sachliche Thema zur Ideologiefrage stilisiert wird. Da darf man sich dann nicht wundern, wenn eben der politische Machtkampf zu einer Win-Lose-Situation führt und man selbst zum Loser wird.

Abo-Literaturservice: E-Medikation Evaluierungsbericht Pilotprojekt

Hier finden Sie den Evaluierungsbericht des E-Medikations-Pilotprojektes, der eine ganz andere Sprache spricht, als das, was uns Politiker berichten. Den Autoren ist bewußt, dass die Limitierungen dieser Evaluierung eigentlich so groß sind, dass generalisierte Aussagen nicht möglich sind – aber, es war wohl politischer Wunsch, einen Jubelbericht zu erhalten. Aktuell liegen mir nur die Kurzfassung und das Management-Summary vor, sollte ich den ganzen Bericht erhalten, wird er hier zu finden sein

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Abo-Literaturservice: E-Medikation Meinungsumfragen

Aktuell sind mir 7 Meinungsumfragen zum oder rund um das Thema E-Medikation (nicht gleich ELGA) bekannt, die älteste aus 2009, die jüngste  (und vermutlich spannendste, da Sie die Meinung der Ärzte abfragt!) 2012.

Drei Umfragen stammen von der GfK (www.gfk.at/), vier von OEKONSULT (www.oekonsult.at/)

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Die E-Medikation und ihr politischer Hintergrund

Die E-Medikation hätte viel Potential gehabt. Aber sie ist zwischen die Fronten geraten und wird dort entweder verenden oder zum Krüppel geschossen.

Das Dilemma begann 2004, als der EuGH überlegte, ob Österreich Internetapotheken verbieten darf, um die Monopole der Apotheken zu schützen. Die EU erlaubt so was nur unter qualitativen Aspekten. Tja, und das war das Problem: Die persönliche Beratung, die jene Qualität darstellen sollte, wurde durch Mystery-Shoppingtouren nicht gerade ins „richtige“ Licht gerückt. Um die Privilegien zu retten, kam der Gedanke auf, die Beratungsleistung zu intensivieren. Der „Arzneimittel-Sicherheitsgurt“ (AMSG) wurde geboren.

Apotheker legten für Patienten persönliche und in allen Apotheken abrufbare Datenbanken an. Darin wurden alle Medikamente erfasst, egal ob von verschiedenen Ärzten verschrieben oder rezeptfrei selbst gekauft. Jede Apotheke hat so eine vollständige Medikamentenliste für jeden Patienten per Knopfdruck. Und statt nur einfach eine Liste vorzuhalten, wollten (mussten) sie auch über unerwünschte Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Eignung des Medikaments und anderes mehr „informieren“. Nach außen, insbesondere Richtung EU, wurde das als Patientensicherheit verkauft, die nur durch persönliche Beratung möglich ist.

Dass die Ärzte aufgeschrien haben war klar und auch zu Recht. Denn damit wird in die Behandlungshoheit eingegriffen. Nicht jede unerwünschte Nebenwirkung ist auch eine unerwartete, und wenn Apotheker Patienten durch nicht-ärztliche Informationen verwirren, dann kann das schaden. Die Idee, mit dem AMSG unerwünschte Zwischenfälle zu vermeiden, wurde zudem im Rahmen eines Pilotprojektes ins Reich der Theorie verbannt.

Aber der Zug war abgefahren. Die Politik nahm dieses Projekt auf; hauptsächlich wohl deswegen, weil sie endlich etwas hatte, was sie mit der „elektronischen Gesundheitsakte“ (ELGA) – einer never ending story aus dem letzten Jahrtausend – verknüpfen konnte.

Und so wurde der Hauptverband mit der Umsetzung der E-Medikation – so heißt das nun – beauftragt. Der war alles andere als abgeneigt. Einerseits haben die Apotheker versprochen, Millionen Euro einzusparen, andererseits könnte endlich auch genau kontrolliert werden, welcher Arzt welche Patienten wie behandelt.

Kontrolle, die ist der Ärztekammer ein Dorn im Auge. Jegliche externe Kontrolle ist Majestätsbeleidigung; und hier dämmert gleich eine Doppelte heran: Transparente Medikation und eine „Eintrittspforte“ für die ELGA, dem ultimativen Kontrollinstrument, das verhindert werden muss. Als der erste Modellversuch aber nicht mehr zu verhindern war, wurden dann die Argumente richtig hanebüchen: Die Software der E-Medikation wurde vom Hauptverband nicht gesetzeskonform eingekauft. Daher muss der Modellversuch im Sinne der Patientensicherheit sofort gestoppt werden – Äh? Lächerlich – aber eben symptomatisch für den Kleinkrieg in unserem Gesundheitssystem!

Die E-Medikation hätte viel Potential gehabt. Zwar nicht bei der Vermeidung von Nebenwirkungen oder beim Sparen, aber bei der Vermeidung unzuverlässiger Medikamentenanamnesen. Millionen von ärztlichen Arbeitsstunden gehen drauf, nur um zu erfragen, welche Medikamente der Patient nimmt. Genau dort wäre die E-Medikation wirklich hilfreich! Jetzt aber werden all die Ärzte, die täglich den Medikamentenlisten der Patienten nachlaufen, es weiter tun; denn egal welche Kompromisse in diesem Machtkampf gefunden werden, eine verlässliche, patientenbezogene, auf Knopfdruck erhältliche Medikamentenliste kommt nicht mehr heraus.

Dieser Artikel wurde im Juli 2011 in ähnlicher Form in der Wiener Zeitung veröffentlicht.

ELGA und der politische Sumpf

Rund um die ELGA geht nichts weiter? Doch, Pfründe und Lehen werden verteilt – unter den üblichen Verdächtigen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Sie gehen zum Arzt, geben ihre E-Card ab und der Arzt kann sich über relevante Befunde, inklusive der Medikamente, die Sie nehmen, informieren. Er soll alle Informationen haben, die er braucht, um Ihren Fall richtig einzuschätzen und gemeinsam mit Ihnen die richtige Therapie zu finden. Eine Therapie, die anderen nicht widerspricht oder diese gar unwirksam macht, eine Therapie, die zu Ihrer individuellen Situation passt. So soll gute medizinische Versorgung im 21. Jahrhundert funktionieren.

Ist das so schwer zu verstehen? Nein! Ist das in der heutigen Zeit, in der Medizin spezialisiert und unübersichtlich ist, nötig? Ja! Und wie kann man das anstellen – mit der ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte.

Natürlich ist das Umsetzen nicht einfach; wenn man wollte, könnte man aber. Doch nichts passiert, stattdessen wird rund um die ELGA der Sumpf immer tiefer.

Zwar loben jene, die sich mehr um Macht als den Patienten kümmern, die Fortschritte in dieser endlosen Geschichte. So soll es ein Meilenstein sein, dass aus der früheren ELGA-Arbeitsgruppe nun eine GmbH wurde. Genauer betrachtet hat sich aber nichts geändert, außer vielleicht, dass es jetzt zwei gut bezahlte Geschäftsführer gibt – einen schwarzen und einen roten! Und weil es ins Bild passt, sind auch gleich nebulose Immobiliendeals im Umfeld zu vermuten. Meilensteine eben!

Aber auch das Paradestück der ELGA, die sogenannte E-Medikation ist so eine Sache. Angeblich bereits zu 99,9 Prozent fertig, schaut die Realität anders aus.

Nachdem man (wer und warum?) sich nicht einigen konnte, was in dieser elektronischen Medikamentenliste stehen soll, greift man auf den „guten“ alten Arzneimittelsicherheitsgurt (AMSG) zurück.

Der Grund, warum man sich nicht einigen konnte, ist ein Klassiker. Die Apotheker wollen keinesfalls auch jene Medikamente eintragen, die sie ohne Einbindung von Ärzten verkaufen. Das betrifft meist rezeptfreie Produkte. Da stört es nicht, wenn die Evaluierung des AMSG zeigt, dass gerade bei den rezeptfreien Produkten der Wechselwirkungsalarm häufiger ausgelöst wurde, als bei den rezeptpflichtigen. Es ist also klar, sollte eine elektronische Medikamentenliste funktionieren, muss eben alles drinnen stehen. Aber man kann sich doch nicht in die Karten schauen lassen! Patientensicherheit hin oder her!

Apropos Evaluierung; die vorliegenden Daten sind so schlecht und ungenügend, dass keine, dem Patienten hilfreiche, Umsetzung zu erwarten ist. Das macht aber nichts. Das Ministerium kauft den Apothekern den AMSG trotzdem ab, für 1,9 Millionen Euro. Kaum jemand wird sich erinnern, dass der AMSG als geschenkter Beitrag der Apotheker zu Gesundheitsreform 2006 gefeiert wurde. Die Kosten haben damals 640.000 Euro ausgemacht, die Hälfte kam vom Hauptverband. So wie es jetzt aussieht, können sich die Apotheker freuen. Ihr angebliches Geschenk wird, nur drei Jahre später, 1,6 Millionen Gewinn abwerfen. Und weil der AMSG in der jetzigen Form nicht für eine österreichweite Umsetzung geeignet ist, wird er dann gleich um 1,2 Millionen umgebaut – alles aus Steuergeldern!

Und damit ja kein Geld oder Einfluss verloren geht, wird das ganze „in-House“ gemacht. Externe, private Firmen kommen nicht zu Zug, selbst wenn das nicht EU-konform ist. Wen interessiert’s? Wer aus Wettbewerbsgründen klagen will, der wird sehen, was er davon hat, sich mit den Mächtigen anzulegen. Geschäftsfördernd wäre so etwas sicher nicht!

Dieser Artikel wurde im März 2010 in ähnlicher Form in der Wiener Zeitung veröffentlicht.